Einiges über das Buchbinderhandwerk in Plauen i.V.
Nach alten Aufzeichnungen zusammengestellt von Max Graser (Plauen)
(Vogtländischer Anzeiger 1924 Nr. 47)


Plauen war noch ein kleines Städtchen, als sich schon gesunder Gewerbefleiß, Bürgersinn und notwendiger Zusammenschluß bemerkbar machte. Weil ein Handwerk nicht stark genug war, eine Innung zu bilden, schlossen sich verwandte Gewerbe zu einer solchen zusammen. Besonders beachtenswert für das Buchbinderhandwerk ist, daß sich gerade zwei "Feinhandwerker", die Buchbinder mit ihren zum Teil künstlerischen Handfertigkeiten, deren Erzeugnisse stets hervorragende Beachtng finden, und die ebenso tüchtigen, künstlerischen, feinmechanischen Schnitzer und Drechsler im Jahre 1841 zu einer vereinigten Innung zusammenschlossen, deren Errichtung am 1. September 1841 von der "Königlichen Hohen Kreisdirektion zu Zwickau" genehmigt wurde. Die aus der Genehmigung erwachsenen Kosten sind in einem aus 13 einzelnen Posten bestehenden Verzeichnis aufgeführt und betrugen 20 Taler 10 Silbergroschen 3 Pfennig.
Wichtig ist weiter aus jener Zeit ein Schreiben an die vereinigten Gewerbe, in dem eine Abgabe der zünftigen und nichtzünftigen Handwerker, ingleichen der unzünftigen Gewerbe beim Aufdingen, Lossprechen und Meisterwerden zugunsten der Erbauung eines allgemeinen Bürgerschulhauses auferlegt ward.
Das Meisterstück der Buchbinder bestand damals in der Anfertigung einer Bibel in ### Sassianleder ### mit Goldschnitt, sowie eines Gesangbuches in einer Anfertigungszeit von acht Tagen. Die Kosten des Meisterwerdens waren bei den Buchbindern dreimal so hoch als bei den Drechslern. Der Mindestbetrag des Kapitals zur Niederlassung eines Meisters in der Stadt wurde mit 200 Taler beziffert.
Als Gesellenstück wurde von den Buchbindern ein Gesangsbuch, von den Drechslern eine Tabakpfeife gefordert. Lehrzeit wurde bei einem Meistersohn auf drei und bei einem anderen auf vier Jahre festgesetzt. Schon damals hatte die Innung eine Gesellen-Krankenkasse.
Von dem Jahre 1855 ist ein Innungsbericht vorhanden, unterschrieben von dem obrigkeitlichen Deputierten, späteren Bürgermeister Carl Wieprecht, Buchbinderobermeister Alex Frotzscher und Drechslerobermeister Ludwig Arnold Thümling.
Unter einer Innungsniederschrift aus dem Jahre 1853, nach dem das Ausplaudern von Beschlüssen mit einem Taler Strafe geahndet wurde, befinden sich die Unterschriften Alexander Frotzscher, Obermeister Karl Walhack, Robert Wettengel, Heinrich Pöhler, Ludwig Schlothauer, Heinrich Thieme und die uns heute noch geläufigen hochgeachteten Namen Louis Schiller und F. W. Kaiser, die sich alle freiwillig durch Unterschrift verpflichteten, obige Niederschrift anzuerkennen.
In der Nachbarschaft dieser Niederschrift befindet sich ein Schriftstück, daß ein Meister mit folgender Begründung abgewiesen worden war: "Die Bibel ist schief abgepreßt. Die Kupfer sind ungleich beschnitten und das Seidenpapier lässig eingeklebt, auch das Titelkupfer nicht umgebogen. Der Schnitt ist hohl und schief geschabt und überhaupt sehr mangelhaft vergoldet. Infolge des schief Abpressens ist das Buch auch schief formiert. Beim Ledermachen lassen die Kapitale viel zu wünschen übrig. Der vordere tiefe Falz ist schief und sperrt. Die Vergoldung ist bei ihrer Einfachheit für ein Meisterstück ungenügend, da mehreren Stempel doubliert, schief gedruckt und der ganze Band keine Eigensinn verrät. Das Futteral entspricht nicht einem Meisterstück. Gasangsbuch ist schief beschnitten usw.".
Einem Drechslermeister war das Anfertigen von sechs Schachfiguren, ohne bestimmte Zeichnung in genauer Spitzenhöhe auszuführen, aufgegeben. Peinliche Arbeit läßt die Tüchtigkeit dieses Meisters und seiner Zeit in allem erkennen.
Eine Rechnung aus der Mitte des vorigen (neunzehnten) Jahrhunderts wird besonders interessant: "Für Abendessen der Buchbinder- und Drechslermeister 13 Taler. Kaffee und Pfannkuchen 4 Taler 10 Ngr., eine Vierteltonne Bier 2 Taler, 18 Glas Bier à 11 Pfg. 19. Ngr. 8 Pfg., 22 Glas Zuckerwasser 22 Ngr., Schnaps 9 Ngr. 3 Pfg., 39 Glas Nickur (?) 3 Taler 27 Ngr., Heizung und Beleuchtung 2 Taler, 60 Glas Bier 2 Taler 6 Ngr., Musik 2 Taler 15 Ngr.".
Eine Gesellen-Krankenkassen-Rechnung verzeichnet Tropfen, Salbe, Pflaster, Pulver in ständiger Wiederholung.
Im Jahre 1857 ist der Innung ein Schreiben zugegangen, in dem der Stadtrat der Innung ganz energisch verbot, daß Essen und Getränke aus der Kasse bezahlt werden. Er verlangte, daß die zu Unrecht entnommenen Beträge im nächstjährigen Haushalt von den Meistern zurückgezahlt werden, und machte den Obermeister dafür verantwortlich. Auch werden die erforderlichen Belege eingefordert. Ein vorgefundener Jahresabschluß ist unterschrieben vom Obermeister mit der lakonischen Bemerkung "Irrtm vorbehalten": die Kassabücher mußten damals dem Stadtrat vorgelegt und von diesem anerkannt werden.
Am 7. März 1863 richtete unser späterer Obermeister Louis Schiller an den Obermeister der gemeinschaftlichen Innung Zapf einen Brief, in dem er eine Innungsversammlung forderte, um den Antrag auf Auflösung stellen zu können. Die Begründung des Antrages lautete: "Da uns das neue Gewerbegesetz in seiner Praxis mit jedem Tage immer deutlicher zeigt, daß für die fortbestehenden Innungen nur Pflichten, aber keine Rechte haben. Die kollegialen Zusammenkünfte (und weiter würden die Innungsversammlungen in Zukunft nichts sein) könnten auch abgehalten werden, ohne von oben herab als Innung bestätigt zu sein.".
Am 9. April 1863 fand in der Zentralhalle unter Anwesenheit des Ratsdeputierten Stadtrat Wieprecht die Auflösungsversammlung statt. Dieser Versammlung folgte am 28. August 1863 im Gartensalon der Gesellschaft der Freundschaft eine weitere, in der die Mitglieder der gemeinschaftlichen Innung in alter herkömmlicher Weise eine geschlossene Gesellschaft bilden wollten. Auch die Innungsgeschenke an durchreisende Gesellen wurden aufrechterhalten.
Mit dem Bedauern, daß den Mitgliedern die Freuden eines Quartals entgangen waren, wurde mit den übrig gebliebenen Mitteln ein reichausgestatteter Abend veranstaltet. Die Satzungen der neuen Gesellschaft setzten den 3. Osterfeiertag als Jahrestag fest, an dem jedes Mitglied verpflichtet war, zu erscheinen.
Vom 27. März 1866 findet sich noch eine Einladung zu einer Sitzung in der Bierhalle vor. Dann schweigt die Berichterstattung in den vorhandenen Akten bis zum Jahre 1882.
Aus einem Bericht, den Vizeobermeister Hermann Kießling gelegentlich des 25jährigen Stiftungsfestes erstattete, geht hervor, daß nach mehreren Vorbesprechungen am 12. November 1882 die wirkliche Gründung unserer heute bestehenden Buchbinder-Innung für Plauen und Umgebung beschlossen worden war. Am 15. Januar 1883 wurden die Innungssatzungenletztmalig beraten und unterzeichnet. Nun begann rege Innungsarbeit. Neben den gesetzlichen Vorschriftserfüllungen der Lehrlinge, Gesellen und Meistern gegenüber, wurden der Förderung des Buchbindergewerbes sowie des gesamten Handwerks in Plauen und Sachsen besonderes Augenmerk zugewendet. Am 27. April 1887 trat man dem neugegründeten Sächsischen Innungsverbande bei. In dieser Zeit war vom Stadtrat die Forderung an die Innung ergangen, für Aufdingen und Lossprechen der Lehrlinge sowie Meisterwerden Gebühren an die Armenkasse zu entrichten. Hiergegen war Beschwerde, und zwar mit Erfolg, eingelegt worden.
An der Stadtverordnetenwahl nahm die Innung früher aktiv teil, zeigt sich doch bis auf den heutigen Tag, daß das Buchbinderhandwerk allezeit und überall im Lande geistige Führer stellte. Mit Stolz und Dankbarkeit dürfen wir die Namen nennen: Stadtrat Schiller, Stadtrat Herold, August Geilsdorf und nicht zuletzt Stadtrat Hermann Stimmel, die im Gemeindeleben hervorragende gemeinnützige Tätigkeit ausübten und noch üben.
Zur Feier des 10jährigen Stiftungsfestes wurden 60 Mk. aus der Kasse bewilligt und 2 Mark Sondersteuer erhoben. Diese Feststellung ist beachtlich im Vergleich zu den heutigen Kosten einer einfachen Feier. Die umstrittene Sonntagsruhe wurde Anfang der 90er Jahre eingeführt. Der erste Beschluß war, am Sonntag nur noch fünf Stunden die Läden offenzuhalten. Am 23. Januar 1899 stand die Innung vor der Entscheidung: Zwangsinnung oder freie Innung. Unter Anwesenheit des damaligen Gewerberichters Mette wählte die Innung die Form der freien. Die Lehrlingsprüfungen wurden im Jahre 1902 umgestaltet und erneuert. Die Buchbinder-Innung hat sich ehrlich bemüht, dieselben zu vervollkommnen und den jeweiligen Prüfungsvorschriften gerecht zu werden, zum Besten des jungen BErufszuwachses.
An der im Jahre 1905 abgehaltenen Maschinen- und Werkzeugausstellung war die Innung durch Zeichnung einer Garantiesumme beteiligt. Der größte Teil der Ausstellung war mit Buchbinderei-Maschinen besetzt. Die meisten ausgestellten MAschinen wanderten in Plauener Werkstätten.
1906 wurde die Gewerbebank gegründet, der auch die Buchbinder-Innung ihre Anteilnahme entgegegenbrachte und sie durch Stellen von Kollegen zur Mitarbeit unterstützte. Durch alle Niederschriften zieht sich wie ein roter Faden der Kampf gegen die Verleger, die Schullesebücher ungebunden zu bekommen.
Im Mai 1910 ging man daran, eine Buchbinderfachklasse einzurichten. Zuerst in ganz bescheidenem Maße, in einem Zimmer beim Kollegen Bahr unter Mithilfe Kuhnats, später, vom Jahre 1913 an, in der neuerrichteten Gewerbeschule. Die Kollegen Bahr, Kuhnat, Knabe, Kiesser hatten sich in die Leitung der Fachklasse zeitweise geteilt, bis jetzt Herr Kuhnat mit sichtlicher Mühe und Anstrengung die Fachklasse vorwärts und auswärts zu führen bestrebt ist.
Jedes Jahr versucht die Innung einen Ausflug mit Besichtigung eines gewerblichen Etablissements zu veranstalten. Im Jahre 1914 besuchten sie in geschlossenem Kreise die "Bugra" in Leipzig. Bei der Hinfahrt überrasche die Teilnehmer die Mitteilung, daß Oesterreich an Serbien den Krieg erklärt habe, woraus sich der Weltkrieg in seiner ganzen Größe entspann, der für viele der Kollegen schwere und ernste Prüfungen brachte. Standen doch nicht weniger als 17 Kollegen im Herresdienst, teils an der Front aktiv dem Feinde gegenüber, andernteils im Etappen- und Garnisionsdienst. Die Daheimgebliebenen stellten ihre Kräfte dem Kriegshilfsdienst zur Verfügung.
Mit aller Mühe und erheblichen Opfern steuerten die alten Herren der Innung über die Kriegszeit hinüber. Manche Liebesgabe war an die Front geeilt. Waährend der Kriegswirtschaft wurde mehrfach der Versuch gemacht, größere Sudmissionen zu erhalten und durch die Innung ausführen zu lassen. Alle Versuche waren umsonst. Die Antworten stellten wohl Kartonnagen-Aufträge, die besondere Hilfsmaschinen erforderten, in Aussicht, aber für Buchbinderwaren waren keine Aufträge zu erhalten. Doch ließ sich das Gewerbe nicht unterkriegen. Sogar einen Verbandstag der Buchbinder-Innungen und selbständigen Buchbinder Sachsens hatten wir während des Krieges am 23. Juni 1917 in Plauen zu beherbergen. Auch diese Tagung bildet einen Denkstein in der Geschichte der Innung. Der Verlauf derselben war von einem guten Stern begleitet.
Die Buchbinder-Innung steht in engster Gemeinschaft mit dem Ortsausschuß des Gesamthandwerkes in Plauen, der die Interessen des Buchbinderhandwerks in wirkungsvoller Weise in Gemeinden-, Landes- und Reichswirtschaft vertritt. Die ungeheure Wirtschaftsschwankung der letzten Jahre erheischte besondere Aufmerksamkeit und Beachtung der Preispolitik, besonders der Ladeninhaber. Die Zukunft leigt noch grau in grau vor uns. Wir werden trotz augenblicklicher Stabilisierung unserer Währung noch manche Wirtschaftserschütterung überwinden müssen. Wer aber wird den schweren Kampf bestehen? Mit Ducken und Kopfhängen ist nichts getan. "Kraftvoll vorwärts und aufwärts" sei die Losung auch der Buchbinder-Innung in Plauen.